Der Dom St. Peter und Paul zu Naumburg (1)

Das riesige Gebäude, vor dem ich an diesem heißen Tag im Juli stehe, ist mir seit langem bekannt. In meiner Kinderzeit hastete ich oft an ihm vorüber, in meinen Jahren als Jüngling habe ich ihn des Öfteren von innen gesehen. Damals habe ich beispielsweise eine Führung mitgemacht und Konzerte besucht. An eines davon kann ich mich besonders erinnern. Der Kreuzchor aus Dresden sang mit Orgelbegleitung in der Vorweihnachtszeit. Der Chor setzte genau so ein wie auf der Schallplatte, die ich zu Hause hatte. – Himmlisch!
Nun stehe ich wieder vor St. Peter und Paul, von dem mein Geschichtslehrer begeistert zu berichten wusste, dass er der einzige Dom nördlich der Alpen sei, welcher in zwei Baustilen erbaut wurde. Das erkennt man bereits von außen an den unterschiedlich geformten Turmpaaren. Doch dazu erzähle ich später mehr.

Weithin sichtbar erheben sich die vier Türme von St. Peter und Paul über die Häuser der Stadt (mit freundlicher Unterstützung der Vereinigten Domstifter, Foto M. Rutkowski)
Weithin sichtbar erheben sich die vier Türme von St. Peter und Paul über die Häuser der Stadt (mit freundlicher Unterstützung der Vereinigten Domstifter, Foto M. Rutkowski)

Seit meinem letzten Besuch hier sind gut 10 Jahre vergangen und ich bin freudig erregt, den Dom, diesen alten Bekannten, gleich wiederzusehen. Ich bin mit einer jungen Kulturpädagogin verabredet, die mich durch den Dom und die Domschatzkammer führen wird. Zugegebenermaßen bin ich etwas skeptisch, ob ich nach all den Umbauten und Renovierungen in den vergangenen Jahren ›meinen‹ Dom wiedererkennen werde.
Über den Domplatz, vorbei an der Gaststätte »Zum 11. Gebot« nähere ich mich dem Domportal und stehe, bevor ich es mich versehe, mitten in einem Kirchenladen. So jedenfalls wirkt der Kassenraum auf mich. Ich sehe mich um, derweil die Kassiererin sich mit anderen Besuchern unterhält, die wohl eine Frage gestellt hatten. Als sie mich etwas später wartend ansieht, informiere ich sie, auf wen ich warte. Einige Augenblicke später wirbelt Jessica Buchwald herein und kommt strahlend auf mich zu. Sie muss es sein, denn sie sieht mich sofort erkennend an und füllt im Nu den gesamten Raum mit ihrer sympathischen Aura. Sie sieht nett aus, diese modern gekleidete junge Frau und ich spüre sofort ihr gewinnendes Wesen. Das muss jeder spüren, der mit ihr zu tun hat, geht es mir durch den Kopf. Nach Begrüßung und Vorstellung schlägt Frau Buchwald vor, gleich hinüber in den Dom zu gehen. Gesagt, getan folge ich ihr und stehe nach einem kurzen Weg mitten im jahrhundertealten St. Peter und Paul. Ja, das ist der Dom, wie ich ihn kenne! Und er riecht auch noch genau so wie in meiner Erinnerung.
Doch was ist das, was da mitten in unserem Weg steht? Es ist ein übermannshoher Aufsteller, an welchem bunte Glasscheiben befestigt sind. Genau davor hält meine Begleiterin inne und beginnt, mir zu erzählen, was es damit auf sich hat. Wie Frau Buchwald erklärt, ist er Teil einer Sonderausstellung mit dem Titel »Glanzlichter«, die den Besuchern Meisterwerke zeitgenössischer Glaskunst näherbringen soll. Diese Ausstellung findet nicht nur im Dom St. Peter und Paul statt, sondern auch an mehreren Korrespondenzstandorten, wie im Kloster Pforta, in der Freyburger Stadtkirche St. Marien, in Kloster und Kaiserpfalz Memleben sowie dem Dom zu Merseburg. Hier werden stilistisch auffallende Werke gegenwärtiger Künstler wie beispielsweise Gerhard Richter, Neo Rauch, Xenia Hausner und Markus Lüpertz der Öffentlichkeit gezeigt. Die Ausstellung ist allerdings nicht so gestaltet, wie ich das von Ausstellungen kenne. Nein, die Kunstwerke stehen auf Augenhöhe mit dem Betrachter und ich kann ganz nah an jedes davon herangehen. Sie teilen sich die Räume des Doms mit seinem eigenen Habitus und fügen sich harmonisch oder als Kontrapunkt in dessen Ensemble ein.

Nach diesen einführenden Worten, die sicher notwendig waren, betreten wir das Langhaus des Doms und nehmen auf zwei der Stühle Platz. Frau Buchwald gibt mir Gelegenheit, im Dom anzukommen und seine Atmosphäre zu genießen. Wir schweigen.

In wenigen Tagen folgt der zweite Teil dieses Berichts.