Der Dom St. Peter und Paul zu Naumburg (2)

Heute greife ich den Bericht von meinem Besuch in der Naumburger Kathedrale wieder auf.
Meine Begleiterin und ich sitzen also im Langhaus des Doms und ich hatte Zeit, im Dom anzukommen.
Als ich sie nach zwei Minuten erwartungsvoll ansehe, beginnt sie, die Historie des Doms vor mir auszubreiten.
Die Geschichte dieser Kathedrale beginnt 1028 mit der Verlegung des Bistumssitzes von Zeitz in die Saalestadt unter Bischof Hildeward. Es wird vermutet, dass die Markgrafen von Meißen die Verlegung des Bischofssitzes betrieben. Diese hießen Hermann I. und Ekkehard II. und sind noch heute fest mit dem Naumburger Dom verbunden. Doch dazu später mehr.
Der ursprüngliche Dom aus dem elften Jahrhundert ist bis auf ein paar Mauerreste heute nahezu vollständig verschwunden. Historische Quellen berichten ab 1211/12 von einer umfangreichen Bautätigkeit rund um den Dom und an ihm selbst. In diesen Jahren – während der Regentschaft Bischof Engelhards – dürfte die Entscheidung für den engagierten Neubau der Bischofskirche gefallen sein.
Bereits Ende 1242, so erzählt Frau Buchwald, waren wichtige Bauabschnitte vollendet. Dazu gehören die Krypta, der Ostchor, das Quer- und Langhaus sowie die unteren Abschnitte der beiden Westtürme.
1243 gelangte mit Bischof Dietrich II. ein sehr einflussreicher Mann an die Spitze des Bistums. Sein Vorgänger im Amt oder er selbst verpflichtete jenen Mann nach Naumburg, welcher dem Dom sein heutiges Aussehen gab: den sogenannten Naumburger Meister. Der sollte laut Geheiß des Bischofs einen würdigen Westabschluss des Doms entwerfen und bauen.
Der Begriff »Naumburger Meister« ist mir geläufig. Ich weiß, dass dieser namentlich unbekannte Architekt und meisterhafte Steinmetz damals aus Mainz kam, wo Bischof Dietrich II. geweiht worden war. Viel mehr aber weiß ich nicht, also frage ich Frau Buchwald danach. Sie ist um keine Antwort verlegen und erzählt mir, dass es sich bei ihm um den damals bedeutenden und künstlerisch einflussreichsten Bildhauer-Architekten Europas und seine Werkstatt gehandelt hat. Sein Hauptwerk hat er auf dem Höhepunkt seines Schaffens hier, im Dom St. Peter und Paul hinterlassen. Das hat ihm auch den Namen »Naumburger Meister« eingebracht. Da er keinerlei schriftliche Aufzeichnungen hinterließ, ja noch nicht mal ein ihm eindeutig zuzuordnendes Steinmetzzeichen, können seine Werke ihm heute nur aufgrund ihrer Stilistik zugerechnet werden. So sind außer in Naumburg beispielsweise bildhauerische Arbeiten an den Kathedralen in Reims und Metz, im Mainzer Dom und dem in Meißen eindeutig seiner Werkstatt zuzuordnen. Der Stern seiner umfangreichen Schaffensperiode ging beim Bau der Kathedralen von Reims und Metz auf. Während deren Bau- und Gestaltungsphase bekam er wohl seine vorzügliche Ausbildung und legte so die Grundlagen für seine Meisterschaft.
Frau Buchwald erzählt sehr lebendig und so entstehen die Personen und Orte, von denen sie erzählt, ganz plastisch vor meinem inneren Auge. Wenn sie von den hohen Türmen der Kathedralen spricht, bemerke ich, wie meine Hände ganz feucht werden. Sogar jetzt meldet sich meine Höhenangst! Dabei sitzen wir doch im Langhaus des Doms.
Nach diesem kurzen Ausflug ins Leben des Naumburger Meisters fährt meine Begleiterin fort, mit mir durch die Geschichte dieses monumentalen Bauwerks zu spazieren.
Der Naumburger Meister erhielt also vom Bischof den Auftrag, mit seiner Werkstatt den Westchor als geschlossenes Ensemble als krönenden Abschluss des Doms zu entwerfen und zu bauen. Doch nicht nur das war seine Aufgabe. Gleichzeitig sollte er die Rechtsgrundlagen für Naumburg als Bischofssitz belegen. Deshalb, so erfahre ich, sind die berühmten Stifterfiguren im Westchor feste Teile des Bauwerks und auf ewig untrennbar mit ihm verbunden.
Jessica Buchwald macht mich darauf aufmerksam, dass man von hier aus, also von den Stühlen im Langhaus, genau die verschiedenen Bauabschnitte des Bauwerks erkennen kann. Im Ostchor beginnt die Baugeschichte des Bauwerks in der Spätromanik. Das Kreuz des Deckengewölbes ist hier sichtbar, jedoch in den Grundformen eher rund und glatt. Etwas weiter zur Mitte hin wird dieses Kreuz durch aufgemalte Streifen hervorgehoben. Je weiter man nun den Blick gen Westen richtet, desto ausgeprägter, tiefer und schärfer wird das Kreuzgewölbe, bis es im Westchor seine ganze Tiefe und Schärfe erreicht. Hier sind wir bei einem gotischen Kreuzgratgewölbe angekommen.

Jetzt bittet mich meine kundige Begleiterin, ihr zum Westlettner zu folgen. Direkt vor diesem Lettner bleibt sie stehen und wir drehen uns um. Jessica Buchwald macht mich auf die Verkürzung des Langhauses durch die beiden Lettner aufmerksam. Sie beginnt, nicht ohne Stolz zu berichten, dass im Dom St. Peter und Paul mit dem Ostlettner der älteste erhaltene und vollständig ausgebildete Hallenlettner zu bewundern ist. Lettner (von lat. lectorium »Lesepult«) stellten besonders in Domen, Kloster- oder Stiftskirchen eine Schranke zwischen dem Raum für das Priester- oder Mönchskollegium und dem übrigen, für die Laien bestimmten Kirchenraum dar. Von ihnen wurden liturgische Texte verlesen. Daher kommt auch die Bezeichnung Lettner. Diese Einrichtung hatte ihre Blütezeit in der Gotik und wurde allmählich von der Kanzel abgelöst, von der dann gelesen wurde. Hallenlettner wird dieser Bau deshalb genannt, da er in sich eine ganz schmale Halle birgt. Die öffnet sich mit drei Bögen gen Westen ins Langhaus. Der Lettner ist in seiner Ausdehnung also dreidimensional, nicht flach. Dieser hier, der Ostlettner, entstand zugleich mit dem spätromanischen Teil des Doms.

Der Ostlettner der Naumburger Kathedrale – Bildnachweis: Vereinigte Domstifter, Foto M. Rutkowski
Der Ostlettner der Naumburger Kathedrale – Bildnachweis: Vereinigte Domstifter, Foto M. Rutkowski

Jetzt wendet sich Jessica Buchwald wieder dem Westlettner zu und ich tue es ihr nach. Ich bin begierig, zu erfahren, was es mit diesem Teil des Doms auf sich hat, der so völlig anders aussieht als sein Pendant im Ostteil des Kirchenschiffs. An dieser Stelle beginnt die Arbeit der Werkstatt des Naumburger Meisters, wie Frau Buchwald mir zeigt. Sie beginnt mit ihren Erläuterungen an der linken Seite des Lettners. Hier sind über zwei angedeuteten Maßwerkbögen Szenen aus der Passionsgeschichte in Stein gehauen. Ich folge der ausgestreckten Hand der Wissenden und erkenne die Feinheit der figürlichen Gestaltung. Jedes der dargestellten Gesichter trägt völlig individuelle, der erzählten Geschichte angemessene Züge. Die Szenen der Passion, deren letzte Bilder aus Holz gefertigt und später angefügt wurden – hier wurden wohl Brandschäden ersetzt – enden in der zentralen Kreuzigungsszene.

Zwischen den beiden Flügeln des Portals des Westlettners, welches den Weg in den Westchor freigibt, befindet sich der Gekreuzigte fast auf Augenhöhe mit dem Besucher. Jesus wird gleichsam auf eine Höhe, auf eine Stufe mit dem Betrachter gestellt. Ich würde so weit gehen, zu sagen, hier wird er dem Menschen gleich – oder umgekehrt. Unter den ausgebreiteten Armen des Leidenden hindurch gelangt der Besucher durch das Portal in den Westchor. Jedoch nicht, ohne zuvor auf Maria und Johannes aufmerksam zu werden, die links und rechts des Kreuzes in Nischen stehen. Ihre Trauer ist so realitätsnah dargestellt, wie es im Mittelalter nur äußerst selten vorkam.

Der Westlettner des Naumburger Doms – Bildnachweis: Vereinigte Domstifter, Foto M. Rutkowski
Der Westlettner des Naumburger Doms – Bildnachweis: Vereinigte Domstifter, Foto M. Rutkowski

Insofern ist der Westlettner des Naumburger Doms in seiner Gesamtheit etwas ganz Besonderes, zuvor nie Dagewesenes.
Als Letztes macht mich Jessica Buchwald auf das Dekor des Westlettners aufmerksam. Das ist vor allem an den Kapitellen zu einem großen Teil in feinen Blättern ausgeführt, die so zart aussehen, als hätten sie sich gerade eben entfaltet. Doch ich kann nicht umhin, zu erkennen, dass sämtliche dieser Blätter in meisterhafter Weise aus Stein gehauen sind. Eine solch feine Steinmetzarbeit habe ich noch niemals bewusst gesehen. Es ist eben doch ein großer Unterschied, ob man eine Führung durch den Dom mitmacht wie ich dereinst Anfang der 1980er Jahre oder ob man von jemandem, der so engagiert und begeistert ist, wie Jessica Buchwald, auf solche überragenden Details aufmerksam gemacht wird. Ich entdecke die verschiedensten Blätter, die ausnahmslos in der Region um Naumburg vorkommen. Da sind fein herausgearbeitete Blätter von Efeu, Kastanie, Weinblätter und viele verschiedene mehr. Sie scheinen gleichsam vor dem Lettner zu schweben. Sämtliche Teile, die sie mit dem Stein verbinden, aus dem sie herausgemeißelt sind, sind geschickt verborgen.
Diese Blätter werden uns später wiederbegegnen, verspricht die junge Kulturpädagogin mir mit einem Lächeln. Sie hat erkannt, dass mir bewusst geworden ist, welch große künstlerische Leistung diese Blätter darstellen.

Blattkapitell am Westlettner – Bildnachweis: Vereinigte Domstifter, Foto M. Rutkowski
Blattkapitell am Westlettner – Bildnachweis: Vereinigte Domstifter, Foto M. Rutkowski

In der kommenden Woche geht es weiter mit meinem Bericht über diese grandiose mittelalterliche Kathedrale.