Der Dom St. Peter und Paul zu Naumburg (3)

Noch immer stehen wir vor dem Westlettner und ich bin total in dessen Anblick versunken.

Jetzt schlüpfen wir unter den ausgestreckten Armen Jesu hindurch und befinden uns im Westchor. Wieder gibt mir Jessica Buchwald ausreichend Zeit, den Raum zuerst auf mich wirken zu lassen. – Und er wirkt gewaltig! Wie bereits bei all meinen vorherigen Besuchen im Dom ist es eine Kombination aus völlig verschiedenen Bestandteilen, die diese Wirkung verursacht.
Da sind zum einen die riesengroßen, bunten Bleiglasfenster, welche die Rückwand des Chores dominieren und das Licht im Innern weich und zart erscheinen lassen. Zum Zweiten sind es die lebensgroßen Figuren der Stifter, die für viele Besucher die Bekanntheit dieses Doms ausmachen. Jeder kennt schließlich die Frage aus Kreuzworträtseln: Stifterfigur im Naumburger Dom? Ja, »Uta« ist die Lösung, auf sie kommen wir gleich zurück.
Und zum Dritten ist es der Raum selbst. Dieser erste und zugleich großartigste gotische Raum im weiten Umkreis um die Saalestadt, wirkt in seiner künstlerischen Vollkommenheit auf mich. Auch hier, im Innern des Chores, fallen mir die vielen fast schwebenden Blätter auf, mit denen hier weiter so meisterhaft dekoriert wurde, dass es leicht und spielerisch wirkt.
Jessica Buchwalds Begeisterung scheint in diesem Raum ebenfalls einen neuen Schub zu bekommen. Ihre Erklärungen reißen mich mit und sie erwähnt Gravierendes wie nebenbei, als ob es selbstverständlich wäre. Sie erzählt von den großen Fenstern, die dem Raum seine Wärme geben und erklärt, aus welchen Epochen sie stammen und was auf ihnen dargestellt wird. Dann aber geht sie über zu den Hauptpersonen des Doms. Sie spricht über die Stifterfiguren, die heute wohl bekanntesten Naumburger. Sie stehen zu zwölft einzeln oder in Zweiergruppen in vier Meter Höhe und sind rings um den Westchor angeordnet. Die meisten der Figuren sind in die Gewölbedienste eingefügt, das heißt die Figur und der hinter ihr liegende Dienst sind aus nur einem Steinblock herausgearbeitet. Sie sind tragende Teile der Konstruktion und als solche nicht nur symbolisch auf ewig mit dem Bauwerk verbunden. Ja, sie sind wahrhaftige Stützen von St. Peter und Paul! Über jeder Figur schwebt ein eigens für sie entworfener und mit architektonischen Elementen verzierter Baldachin. Sie stehen auf sogenannten Fußplatten, die sich harmonisch ins gestalterische Gesamtkonzept des Raumes einfügen.
Sie sind die Stellvertreter der Gründer, sie stehen für alle, die mit ihren Spenden oder ihrem Tun zum Bau des Doms beigetragen haben. Da einige der hier Dargestellten auf dem Gelände des Doms bestattet sind, stellen die Stifterfiguren ebenso Gedächtnisgrabsteine dar. – Zugegeben, es sind die meiner Meinung nach Schönsten ihrer Art. Ist es ihre lebensgroße Darstellung oder ist es, dass Kleidung und Ausstattung wie echt wirken? – Aber was es auch sei, sie wirken wie Menschen aus Fleisch und Blut, nicht wie aus Stein herausgemeißelte, seelenlose Figuren. Ja, jede einzelne Stifterfigur hat eine eigene Seele, die sie ausstrahlt. Und irgendwie wirken sie auf mich gegensätzlich.
Da ist die aristokratisch wirkende Uta, die kühl ihren Kragen hochschlägt. Dort die fast mädchenhaft-albern lächelnde Reglindis, welche keck einen Fuß wegspreizt. Die Erste war die Tochter eines Ballenstedter Grafen, die Zweite eine polnische Königstochter.
Die dazugehörigen Männer sind ähnlich gegenteilig wie die Frauen. Neben Uta steht Ekkehard II., Markgraf von Meißen und letzter Burgherr von Naumburg. Er hält Schwert und Schild griffbereit und scheint so gewappnet für eine Auseinandersetzung und zur Verteidigung des Doms sowie des Glaubens. Ihm gegenüber, neben Reglindis, steht sein Bruder Hermann I., vor Ekkehard Markgraf und Burgherr zu Naumburg. Er wirkt mit seinen Dichterlocken und dem geneigten Kopf eher versonnen und lehnt seinen Arm auf den Schild wie etwa auf eine Harfe oder ein anderes Musikinstrument.
Die genannten Vier sind die bekanntesten Stifterfiguren des Doms. Sie stehen an den prominentesten Stellen, sind also am besten wahrzunehmen. Die Gesichtszüge der Statuen sind wohl nicht die der echten Stifter, sondern wurden ihnen anhand von Beschreibungen nachempfunden.
Doch Uta und Ekkehard, Reglindis und Hermann stehen nicht allein in luftiger Höhe. Hinten, in der Rundung des Chores, finden sich weitere Stifterfiguren. Es sind die der Grafen Dietmar, Syzzo, Wilhelm und Thimo. Im Chorquadrat finden sich außer den Paaren noch die Figuren der Gräfin Gerburg, die der Grafen Konrad und Dietrich sowie die der Gräfin Gepa. Die Letztgenannte wird als gelehrte Frau oder Ordensfrau mit Büchern dargestellt. Auch das ist für die damalige Zeit eher ungewöhnlich, da Frauen die Gelehrsamkeit gewöhnlich abgesprochen wurde.
Die dargestellten Stifter gehörten sämtlich zum damaligen Hochadel, die meisten waren wohl mit Bischof Dietrich II. über das Haus Wettin verwandt. Deshalb lag seinerseits die besondere Intention zur Anfertigung dieser Skulpturen nahe.
Die Standbilder der Stifter sind alle etwa zur gleichen Zeit angefertigt worden. Ihre künstlerische Besonderheit liegt in der wirklichkeitsnahen Darstellung der Personen, ihrer Bekleidung, welche der Mode des 13. Jahrhunderts entspricht, und ihrer Ausrüstung.
Dass hier weltliche Personen dargestellt wurden, noch dazu Personen, die alles andere als heilig waren, ist eine ungewöhnliche Einmaligkeit des Naumburger Doms. Vielleicht hat nicht zuletzt dieser Fakt dazu beigetragen, dass die Stifterfiguren innerhalb kurzer Zeit zu solcher Berühmtheit gelangt sind.
Unermüdlich erzählt, ja schwärmt Jessica Buchwald von den Stifterfiguren und ich bemerke, dass ihnen ein großer Teil ihrer Begeisterung gilt. Nachdem wir uns zum Schluss noch einmal gesammelt haben, verlassen wir gemeinsam den Westchor und durchschreiten das Langhaus gen Osten. Vor dem Ostlettner bleiben wir kurz stehen, damit ich ihn betrachten kann. Dann geht es auf der linken Seite eine steile Treppe nach oben, die ein bronzenes Geländer mit allerlei Figuren ziert. Das sei ihre liebste Kleinigkeit im riesigen Dom, schmunzelt Jessica Buchwald. Dieser Handlauf stammt vom Magdeburger Bildhauer Heinrich Apel und zeigt den steilen Weg ins Paradies. Ich staune, als sie mir die einzelnen Figuren benennt und erläutert, in welchem Zusammenhang sie mit der Schlange stehen, die sich am Handlauf hinabwindet. Dieser Handlauf ist wirklich ein Kleinod, welches erst seit vergleichsweise wenigen Jahren das alte Gemäuer verziert.
Oben angekommen zeigt mir meine kundige Begleiterin das Chorgestühl des Ostchors. Dieser neben der Krypta älteste Teil des Doms beherbergt zu meinem Erstaunen ebenfalls zwei Werke aus der Werkstatt des Naumburger Meisters: Das Grabmal eines Bischofs aus dem Hochmittelalter und ein Lesepult in Form eines lebensgroßen Diakons. Staunend stehe ich nacheinander vor diesen Bildnissen. Dann gehen wir hinüber zu dem riesengroßen Chorbuch, welches aufgeschlagen auf einem Pult ruht, sodass man bequem darin lesen kann. Frau Buchwald erklärt, dass dies das Faksimile des großen Chorbuchs aus dem Domschatz sei, welchen wir gleich besuchen würden und ich stehe auch hier mit offenem Mund davor. Ein solch riesiges Buch sehe auch ich schließlich nicht alle Tage.
Das uralte Chorgestühl aus dunkelbraunem, reich verziertem Holz ächzt und knarrt, als Jessica Buchwald hineintritt und mir demonstriert, in welcher unbequemen Haltung die Geistlichen oft stundenlang der Liturgie und den Gottesdiensten lauschen mussten. Das Gestühl stammt aus der Bauzeit des Doms und ist das älteste hölzerne Zeugnis aus dieser Phase des steinernen Baus.
Nachdem ich auch hier die Glasfenster bestaunt habe, verlassen wir den Ostchor auf der rechten Seite und gelangen zu einer ebenso steilen Treppe wie der auf der linken Seite. Und auch hier überrascht mich ein Handlauf von Heinrich Apel. Der hier stellt den Heiligen Franziskus dar, welcher den Tieren predigt. Ich berühre beim Hinabgehen der Treppe nacheinander die einzelnen Figuren. Am besten gefällt mir, wenn ich ehrlich bin, der Pfau am Ende des Handlaufs, dessen Schwanzfedern sich meiner Handfläche entgegenkrümmen. Er ist auch die Figur, der man die meisten Berührungen ansieht, denn er glänzt golden.

Weiter geht es in wenigen Tagen mit dem Ende dieser Führung durch eine der bedeutendsten Kathedralen Mitteldeutschlands.