Der Dom St. Peter und Paul zu Naumburg (4)

Heute greife ich zum letzten Mal meinen Bericht aus der Vorwoche auf. Wir waren also die Treppe vom Ostchor heruntergekommen.

Unten angelangt verlassen wir den Dom und betreten den Kreuzgang. Während Jessica Buchwald kräftig ausschreitet, brauche ich einige Sekunden, um hier anzukommen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie in bodenlange Kutten gewandete Geistliche unter diesen wunderschönen Kreuzgewölben dahinwandeln und den Rosenkranz im stillen Gebet durch ihre Finger gleiten lassen. Als Frau Buchwald stehenbleibt, werde ich wieder ins Hier und Jetzt gerissen und folge ihr in Richtung des Schatzgewölbes. Auf unserem Weg begegnen uns auch hier einige »Glanzlichter«.
Nachdem meine Begleiterin die Tür, vor der wir stehengeblieben waren, geöffnet und hinter uns wieder geschlossen hat, umgibt uns dämmriges Halbdunkel. Als wir die vor uns liegenden Stufen hinabgestiegen sind, erfahre ich, dass wir uns in einem der größten romanischen Gewölbe Mitteldeutschlands befinden. Um die Würde dieses Ortes zu wahren, spricht Jessica Buchwald unweigerlich etwas leiser als bisher. Sie zeigt mir die Maria Magdalena von Lucas Cranach d. Ä., die einst einen der Flügel des Altars des Westchores zierte. Cranach verleiht dieser Frau die Anmut und Grazie, die andere Darstellungen oft vermissen lassen. Ein paar Schritte weiter stehen wir vor dem Original des Chorbuchs, deren originalgetreuer Kopie wir im Ostchor gesehen hatten. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, denn wie vergänglich ist das filigrane Material, aus dem ein Buch gefertigt wurde. Und wie leicht hätte auch dieses Buch ein Raub der Flammen werden können. Doch es hat allen Unbilden getrotzt und die Zeiten überdauert, sodass wir uns heute an diesem Schatz erfreuen können. Nach einem Blick auf die Johannesschüssel, welche aus dem 13. Jahrhundert stammt und das Haupt Johannes des Täufers zeigt, wenden wir uns einer Skulptur zu, die es für mich in sich hat. Die Naumburger Pietà aus dem frühen 14. Jahrhundert hat eine Ausstrahlung, die mich sofort ergreift. Wie stark muss diese außergewöhnliche Statue die Gläubigen in der damaligen Zeit beeindruckt haben! Sie ist zu Holz gewordene unendlich tiefe Trauer um das Liebste auf der ganzen Welt: das eigene Kind. Das kann jeder fühlen, der vor dieser Statue steht und Kinder sein Eigen nennt. Still wenden wir uns nun wieder dem Ausgang zu. Ebenso still macht sie mich auf den Handlauf aufmerksam, der – das sehe ich jetzt mit einem Blick – von Heinrich Apel stammt. Als wir die Tür erreicht und durchschritten haben, holen wir beide tief Luft. Jessica Buchwald macht mich auf die Türverkleidung aufmerksam. Auch sie stammt vom Magdeburger Heinrich Apel und stellt Jakobs Traum von der Himmelsleiter dar. Als wir wieder im hellen Kreuzgang stehen, fallen die Eindrücke aus dem Schatzgewölbe schnell wieder von mir ab. Jessica Buchwald erzählt mir die Geschichte vom Dom-Äffchen Simius. Dann erwähnt sie, dass es spezielle Angebote für Kinder in Form von Audio-Guide-Domführungen gibt. Während dieser Führungen mit dem Äffchen Simius erkunden Kinder und Jugendliche den Dom ganz selbstständig.

Unser Weg führt hinüber zur KinderDomBauhütte. Kindern und Jugendlichen den kreativen Umgang mit Stein und Glas näherzubringen, liegt Jessica Buchwald ganz besonders am Herzen. Das spüre ich sofort, nachdem wir das etwas abgeschiedene Areal der KinderDomBauhütte betreten. Die Projekte, die Jessica Buchwald und ihre Kolleginnen und Kollegen hier anbieten, sollen den Kindern und Jugendlichen die faszinierende Welt der Bauhütten des Mittelalters näherbringen. Jedes einzelne der Projekte beginnt im Dom St. Peter und Paul mit einer Erkundung, die natürlich inhaltlich auf das Vorhaben abgestimmt ist. Anschließend findet in der KinderDomBauhütte der Praxisteil statt. Während dieser Zeit fertigen die jungen Dombaunovizen auf Zeit völlig eigenständig auf das Thema bezogene Werkstücke. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können so in der Rolle eines Steinmetzen, Glasers oder Baumeisters den Einklang von Kunst, Architektur und Religion im Mittelalter erfahren. Es gibt zahllose Möglichkeiten, hier die Inhalte verschiedenster Unterrichtsfächer sehr anschaulich zu gestalten. Die Projektinhalte sind natürlich auf die Rahmenlehrpläne abgestimmt. Darauf legt die Kulturpädagogin großen Wert, als sie mir davon erzählt. Mich fasziniert es besonders, dass hier bereits Kindern zugetraut wird, Arbeiten in Stein auszuführen. Die Beispiele der von Schülern angefertigten Blätter nach den Vorbildern vom Westlettner, die Jessica Buchwald mir zeigt, sprechen eine eindeutige Sprache. Am allermeisten beeindruckt mich aber ein Maßwerk, das oben im Treppenhaus des Gebäudes ausgelegt ist. Es besteht aus Stein und ist die Nachbildung eines Originals aus dem Dom. Jessica Buchwald erscheint mir etwas größer zu werden, als sie erwähnt, dass die Kinder einer Naumburger Schulklasse in der KinderDomBauhütte dieses Maßwerk gemeinsam angefertigt haben. Mir fällt auf, dass jedes Teil zu seinem Nachbarn passt und gemeinsam ein zusammengehöriges Maßwerk entsteht, welches im Grunde im Dom eingebaut werden könnte. Wir gehen die Treppe hinunter und machen noch einen Abstecher in die Glaswerkstatt. Hier schneiden und brechen Kinder und Jugendliche verschiedenste Formen aus buntem Glas, bearbeiten die Stücke und fertigen kleine Dinge wie beispielsweise Fensterbilder an. An den Fenstern des Raumes hängen an Fäden viele Beispiele dafür, wie schön gestaltetes Glas aussehen kann. Das bringt mich gedanklich zurück zu den »Glanzlichtern« im Dom. Wer weiß, vielleicht ist hier, in der KinderDomBauhütte ein Kind, das später mal ein bekannter Meister der Glaskunst wird?

Wir treten wieder hinaus ins helle Sonnenlicht und begeben uns in den Garten des Naumburger Meisters. Dort sind sämtliche im Dom angebrachten Blätter im Original zu sehen. Ich erkenne, wie groß das Können und wie schwer die Detailverliebtheit der Männer gewesen sein muss, die verstanden haben, diese filigranen Blätter in Stein zu verewigen und doch wie lebendig aussehen zu lassen. Aus dem Garten, in dem wir uns befinden, sind es nur wenige Schritte bis in den Domgarten. Über ein Hektar üppiges Grün liegt dicht an den Dom geschmiegt und bildet gleichsam eine grüne Oase mitten im Verkehr der sprudelnden Stadt. Hier sind angelegte Beete, denen ich die liebevolle Pflege ansehe. Dort scheinen kleine Teiche im Schatten großer Bäume eine Heimat für Insekten und anderes Wassergetier zu sein. Tief atme ich ein und lasse die Luft weit in meine Lungen strömen. Ich genieße es, dass Jessica Buchwald es versteht, genau im richtigen Moment zu schweigen. So wie jetzt. Auf dem Rückweg zum Dom genieße ich es nur Minuten später, ein wenig mit Frau Buchwald zu plaudern. Sie interessiert sich für meine Herkunft und meine Arbeit und so erreichen wir viel zu schnell wieder den Kassenbereich. Da fällt mir noch eine Frage ein, die ich meiner Begleiterin auf Zeit stelle. Wie ist das eigentlich mit den Hauben der Osttürme? Romanisch sind sie eindeutig nicht. Wie ist es also dazu gekommen, dass sie so aussehen wie heute? Jessica Buchwald lacht ihr freundliches Lachen. Das, so erzählt sie, ist wohl auf einen weiteren Brand zurückzuführen. Vermutlich 1532 wurden nach einem solchen die oberen Teile der Osttürme erneuert und mit spätgotischen Maßwerkformen verziert. Da die Brandschäden aber erst viel später beseitigt wurden, erhielten die Osttürme 1711 und 1713 mit den Barockhauben und den dazugehörigen Laternen ihr heutiges Aussehen.

 Die Osttürme von St. Peter und Paul Foto: JFN

Die Osttürme von St. Peter und Paul Foto: JFN

Nun verabschiedet sich Jessica Buchwald und ich bedanke mich für die beste Führung durch den Naumburger Dom, die ich jemals bekommen und die ich von der ersten bis zur letzten Minute genossen habe. Voll mit Informationen und vielen neuen Eindrücken verlasse ich St. Peter und Paul und strebe wieder meiner Heimstatt zu.

Den Besucherservice des Naumburger Doms Domplatz 16/17 • 06618 Naumburg erreichen Sie telefonisch unter (03445)3201-120 oder -133, per Fax unter (03445) 2301-134, per E-Mail unter fuehrung@naumburger-dom.de und im Internet unter www.naumburger-dom.de