»Der Brüderschaft verehret – Die Silberbecher und Pokale der Halloren«

Ein Schwergewicht liegt vor mir. Und das gleich in mehrfachem Sinne. Das Buch ist groß. Und es ist schwer. Aber es ist auch ganz besonders. Dieses Buch erzählt auf seinen knapp 400 Seiten gleich mehrere Geschichten.
Da ist zum einen die Vergangenheit der Salzwirker-Brüderschaft selbst, deren Gründungsurkunde sich ins Jahr 1491 datieren lässt. – Allein diese fast schon sagenhaften Dimensionen lassen den Menschen des 21. Jahrhunderts erschaudern. – 1491 war Amerika noch nicht entdeckt!

Der Titel des Werks
Der Titel des Werks

Wie kam es eigentlich zu den Privilegien, die die Brüderschaft im Laufe der Geschichte von den wechselnden Landesherren verliehen bekam und von denen ein Großteil noch heute gilt? Wo liegen eigentlich die historischen Quellen von Festgewand, Zappeltanz, Fahnenspiel, Fischerstechen und Pfingstbier? Und wie sind Grabgeleit und die Hilfe bei Feuersnot entstanden?
All diesen Fragen (und noch einigen mehr) wird in diesem Buch akribisch nachgegangen. Doch es geht auch um ganz persönliche, familiäre Geschichten und Schicksale in diesem Buch.
Selbstverständlich werden auch Histörchen aus früheren Zeiten berichtet.
Doch naturgemäß geht es in diesem, von den Halloren selbst in ihrer etwas sympathisch-flapsigen Hallenser Art »Becherbuch« genannten, Band um den fast schon legendären Silberschatz der Halloren, welcher sich ja in der Hauptsache aus Silberbechern zusammensetzt.
Wie kam es eigentlich zur ersten Becherschenkung, wie wurden die Becher in früheren Zeiten aufbewahrt und weshalb verschwanden einige wenige davon in den Wirren der Vergangenheit? Diese und andere Begebenheiten wurden von den Autoren liebevoll zusammengetragen und in interessanter Weise dokumentiert.

Schon die Annalen der Salzwirker-Brüderschaft und die ihres Silberschatzes würden ein ganzes Buch füllen. Doch dieses Werk hat sich wesentlich mehr vorgenommen, als diese interessanten Geschichten zu erzählen.
So geht es im nächsten Teil um die verschiedenen Goldschmiede und die von ihnen bei der Becherherstellung angewandten Techniken. Auch dieser Abschnitt ist äußerst lesenswert, da er uns quer durch die vergangenen Jahrhunderte und technischen Entwicklungen bis in die heutige Zeit führt.

Doch alsdann kommt es im Becherbuch zum Höhepunkt. Es folgt die ausführliche Präsentation der einzelnen Bestandteile des Silberschatzes der Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle!
Diese, in Form eines Katalogs gestaltete Präsentation, ist in zwei Teile gegliedert. In deren Ersten die Silberbecher und in deren Zweiten die anderen Pretiosen einzeln und genau vorgestellt werden. Um es gleich vorwegzuschicken, hier kann das Auge des Kunstinteressierten sich kaum sattsehen!
Jeder Becher und jede Preziose wird auf einer Doppelseite detailliert und ausführlich vorgestellt: Ein vollformatiges Foto auf der einen; eine umfassende Beschreibung des Kunstwerks auf der anderen Seite bilden hier eine wunderbare Einheit.
Beim Umblättern war ich immer wieder überrascht, wie verschieden die Formen verschiedener Silberbecher sind, wie unterschiedlich die Verzierungen und Ausschmückungen eines solchen kunsthandwerklichen Meisterstücks nur sein können! Jede Seite bietet einen neuen Kunstgenuss!
Die Fülle der Informationen ist in diesem Teil des Werks kaum zu überbieten! Hier haben sowohl der Kunstinteressierte und der Statistiker als auch der historisch Ambitionierte und der Schöngeist ihre absolute Freude. Die durchweg erstklassigen Fotos lassen die Kunstwerke erscheinen, als ob man sie ergreifen und dann von Nahem betrachten könnte.

Nun schließt sich ein Verzeichnis der Meister mit ihrer jeweiligen Lebensgeschichte an, welche die Silberbecher und die anderen Gegenstände kunstvoll angefertigt haben.
Eine weitere Übersicht führt im Anschluss daran jeden einzelnen Stifter, ebenfalls mit einer kurzen Biographie, auf. Zusätzliche Dokumente, ein Katalog der Meisterzeichen, ein Glossar sowie die in solchen und ähnlichen Werken üblichen Register ergänzen den Band und runden ihn ab. Zusammengefasst stellt er eine besondere Wertschätzung der Geschichte und der Traditionen der Salzwirker dar.

Aus all diesen Gründen ist der Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle mit diesem im Selbstverlag herausgegebenen und im Druckhaus Köthen hergestellten Band ein ganz großer Wurf gelungen. Zumal es von ihm nur eine begrenzte Auflage gibt, dürfte diese in kürzester Zeit vergriffen sein.

Ein Teil der Rückseite des Buches
Ein Teil der Rückseite des Buches

»Der Brüderschaft verehret«
›Die Silberbecher und Pokale der Halloren‹
© Selbstverlag der Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle
ISBN: 978-3-00-044467-8

Der Dom St. Peter und Paul zu Naumburg (1)

Das riesige Gebäude, vor dem ich an diesem heißen Tag im Juli stehe, ist mir seit langem bekannt. In meiner Kinderzeit hastete ich oft an ihm vorüber, in meinen Jahren als Jüngling habe ich ihn des Öfteren von innen gesehen. Damals habe ich beispielsweise eine Führung mitgemacht und Konzerte besucht. An eines davon kann ich mich besonders erinnern. Der Kreuzchor aus Dresden sang mit Orgelbegleitung in der Vorweihnachtszeit. Der Chor setzte genau so ein wie auf der Schallplatte, die ich zu Hause hatte. – Himmlisch!
Nun stehe ich wieder vor St. Peter und Paul, von dem mein Geschichtslehrer begeistert zu berichten wusste, dass er der einzige Dom nördlich der Alpen sei, welcher in zwei Baustilen erbaut wurde. Das erkennt man bereits von außen an den unterschiedlich geformten Turmpaaren. Doch dazu erzähle ich später mehr.

Weithin sichtbar erheben sich die vier Türme von St. Peter und Paul über die Häuser der Stadt (mit freundlicher Unterstützung der Vereinigten Domstifter, Foto M. Rutkowski)
Weithin sichtbar erheben sich die vier Türme von St. Peter und Paul über die Häuser der Stadt (mit freundlicher Unterstützung der Vereinigten Domstifter, Foto M. Rutkowski)

Seit meinem letzten Besuch hier sind gut 10 Jahre vergangen und ich bin freudig erregt, den Dom, diesen alten Bekannten, gleich wiederzusehen. Ich bin mit einer jungen Kulturpädagogin verabredet, die mich durch den Dom und die Domschatzkammer führen wird. Zugegebenermaßen bin ich etwas skeptisch, ob ich nach all den Umbauten und Renovierungen in den vergangenen Jahren ›meinen‹ Dom wiedererkennen werde. „Der Dom St. Peter und Paul zu Naumburg (1)“ weiterlesen

Zu Besuch bei den Halleschen Salzsiedern

Auch in unserer modernen Zeit gibt es Traditionen, die weit in die Ära unserer Vorväter zurückreichen und auf den ersten Blick mitunter recht altertümlich anmuten. An einem heißen Sommertag mache ich mich auf die Spur einer solchen Tradition. Ich fahre nach Halle an der Saale. Schon der Name »Halle« weist auf die Bedeutung der Stadt als Salzmetropole hin. Alle Städte, die heute noch die Silbe »Hall« im Namen führen, wie etwas Schwäbisch Hall, Hallstatt, Hallein oder auch Halle in Westfalen, hatten einst eine große Bedeutung in der Salzgewinnung und im Salzhandel. Auch in Halle an der Saale reicht die Geschichte des Salzes mindestens bis in die Bronzezeit zurück und ist hier ganz eng verbunden mit den Halloren.
Die Mitglieder der Halleschen Salzwirkerbrüderschaft mit ihren historischen Trachten waren mir vor einigen Jahren bei einem Umzug aufgefallen. Besonders ihr eindrucksvolles Fahnenschwenken und das Fischerstechen waren mir zu späteren Anlässen in lebhafter Erinnerung geblieben. Ich weiß, dass die Halloren auf eine lange Tradition zurückblicken können. Um sie ranken sich im Volksmund noch immer Sagen und Legenden. Vor allem ist es natürlich der sagenhafte Silberschatz der Halloren, der in den Köpfen vieler Menschen präsent ist. – Wo gibt es in unserer heutigen Zeit schon noch einen echten Schatz!
Doch eigentlich weiß ich so gut wie nichts über die Halloren. Das wird mir ausgerechnet in dem Moment bewusst, als ich an diesem heißen Vormittag vor der Halleschen Saline stehe. Hier ist heute gleichsam die Zentrale der Halloren.

Ich bin gewillt, meine Wissenslücken so gut wie möglich zu füllen. Obwohl … ganz sicher bin ich mir nicht, dass mir das heute wirklich gelingen wird. Weil der Vorstandsvorsitzende des Vereins an diesem Tag nicht greifbar sei, hatte die Dame aus der Verwaltung am Telefon gesagt, ich solle nach einem gewissen Herrn Michelson fragen. Der würde sich auch ganz gut mit der Materie auskennen, meinte sie. Also stehe ich kurz darauf an der Kasse, frage nach diesem Herrn und hoffe insgeheim, dass er mir wenigstens eine kurze Einführung zu den Halloren geben kann. „Zu Besuch bei den Halleschen Salzsiedern“ weiterlesen